Heimlich gähnen Sie derzeit auch manchmal, oder? Wenn keiner guckt. Weil die Sonne so schön scheint, die Vögel singen und das Frühjahr uns eigentlich nach draußen locken will. Aber ganz tief innen haben wir den Schalter doch noch gar nicht umgestellt. Frühjahrsmüdigkeit nennt man das.
Aber jetzt müssen Sie ganz stark sein: Es gibt sie gar nicht, diese Frühjahrsmüdigkeit. Forscher haben geforscht und gefragt. Zwar sagen wir Deutschen gerne, dass wir frühjahrsmüde sind, belegen können das die Forscher aber nicht. Denn die tageweise abgefragte Statistik ergibt: Da ist kein Unterschied zu anderen Jahreszeiten.
Und auch die Menschen anderer Länder, Nationen und Regionen sind von der Frühjahrsmüdigkeit nicht betroffen. Nur wir Deutschen. Die Frage ist: Wie lange eigentlich schon? Zwar hat sich die Studie (Links unter dem Text) nicht mit der Historie beschäftigt. Aber es gibt ja Hinweise. Das Grimmsche Wörterbuch zum Beispiel kennt die Frühjahrsmüdigkeit nicht. In alten Zeitungen (Zeitpunkt.NRW) taucht sie 1893 zum ersten Mal auf – und betrifft dort vor allem junge Menschen.
Die Studie, die gerade zentral und medial einschlägt, fasst das Problem so zusammen: Wer suchet, der findet. Wer glaubt, der sieht. Sozusagen. Die Frühjahrsmüdigkeit ist also, glaubt man den Studienergebnissen, nichts weiter als eine Selffulfilling Prophecy.
Gut. Aber was weiß denn schon die Wissenschaft? Vielleicht lässt sich die Frühjahrsmüdigkeit ebenso wenig grafisch darstellen wie die Heimat, die Gemütlichkeit, der Feierabend, der Weltschmerz, die Schadenfreude, die Geborgenheit und das Fernweh. Das ist der Katalog, den mir meine derzeitige Lieblings-KI zusammenstellt, wenn ich nach typisch deutschen Wörtern frage.
