Ach du Schneck, da schleimen sie sich schon wieder quer durch den Garten! Und heimsen sich ein, was des Gärtners erste Erfolge hätten werden können. Schneckliche Geschichte – und jedes Jahr dasselbe Spiel – und die Regeln uralt. So berichtet schon am 03.02.1882 ein Leser in der Dortmunder Zeitung, wie er den Nacktschnecken eine Bierfalle baut, weil sie sich über seine Erdbeerbeete, seine Verbenen, seine Astern und seine Petunien hermachen. Ob er der Erfinder der Bierfalle ist, kann man nicht wissen. Gesichert ist: Im Februar kann dieser Artikel nicht aktuell sein. Aber die Schneckenplage droht und der Tipp mit der Bierfalle wandert in den nächsten Monaten von Zeitung zu Zeitung.
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/1353557
Aber es geht auch andersherum: Die Neusser Zeitung vom 07.05.1872 weiß, dass man in „einigen Gegenden Deutschlands“ Nacktschnecken in Gärten züchtet. In diesen Gärten wächst nur Gras, kein Baum, kein Strauch – und sie sind von fließendem Wasser umgeben. Kinder werden in die Wälder geschickt, um Schnecken zu sammeln. Sie erhalten für 100 Schnecken 3 Thaler. Dann werden die Schnecken mit Kohl und Gras gefüttert, sie bekommen ein Häuschen aus Moos zum Schutz. Dort verkriechen sie sich, manchmal bis ins Erdreich hinein – und von dort aus werden sie dann verpackt und versandt:
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/11787063
Für den Menschen aber waren Schnecken, und nicht nur die Weinbergschnecken, in der Medizin äußerst nützlich. Die Neusser Zeitung verweist am 02.09.1913 zuallererst auf Plinius, der die afrikanische Nacktschnecke gegen verschiedene Leiden eingesetzt habe. „Mit der Zeit bürgerte sich der Schneckenverbrauch in der Pharmazie indes immer mehr ein, sodaß gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts der Franzose Figuier sogar eigens ein Buch über die verschieden, aus Schnecken zubereiteten Medikamente herausgab. Die Heilkraft der Schnecken sollte hauptsächlich auf Brust- und Halsleiden günstig einwirken, zu welchem Zweck man den Tieren reichlich Zucker zusetzte, sie aber auch zuweilen in rohem Zustande „einnehmen“, ließ. Ferner wurde das Schneckenfleisch, speziell das unserer Gartenwegschnecke auch häufig zu sog. Kraftsuppen für Rekonvaleszenten verwendet.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/pagetext/12020529
Schneckensaft, so der Name des Medikamentes gegen den Husten, wurde zu dieser Zeit häufig schon – nicht immer – durch Eibischsaft mit Thymianextrakt ersetzt. Den Namen aber hat die Medizin dennoch beibehalten. Und wenn Sie jetzt den Kopf schütteln über so viel medizinischen Unverstand in längst vergangenen Zeiten, seien Sie vorsichtig und geben in der Suchmaschine Ihrer Wahl das Wort Schneckensaft oder das Wort Schneckensirup ein. Sie werden viele Produkte finden, von denen einige auch heute noch den Schneckenextrakt der Wegschnecke, also der Nacktschnecke in unseren Gärten, enthalten. Hier eine Produktbeschreibung: „Schneckensirup aus der Wegschnecke unterstützt nicht nur die körpereigene Immunabwehr, sondern dient zur gezielten Ernährung in der Erkältungszeit. Der im Schneckensirup enthaltene Schneckenschleim ist ein seit jeher bekanntes Hausmittel bei Husten, und Verschleimung der Bronchien.“
https://hecht-pharma.de/Schneckensirup/p-18249119.1?referralCode=019cad7ad97b7ee5a37450ae1cbc5fd5&gad_source=1&gad_campaignid=23608380210&gclid=CjwKCAjwzevPBhBaEiwAplAxvoM4CEoTTHcBHPwRq9lRMJ2Awi4-pX3T-iL_todoxzQzmSJP_eOHixoCqtQQAvD_BwE
Über die Verwendung von Schnecken in der Kosmetik hatte ich am 29.11.2023 schon einen historischen Rückblick zusammengestellt:
