Waren Sie schon mal bei Temu einkaufen? Nein? Und Sie haben auch noch nie heimlich geguckt, was es dort so alles zu kaufen gibt? Nein? Das ist schade. Lassen Sie sich nicht von der Verachtung derer anstecken, deren Urteil allzu schnell eindeutig ausfällt. Wobei es ganz eindeutig der Wahrheit entspricht, dass viele Händler in Deutschland Waren von Temu zu einem Preis verkaufen, der ein Vielfaches des Originalpreises ist. Aber das soll hier nicht das Thema sein.
Ich will Sie auch keineswegs mit Einkaufsempfehlungen belästigen. Es geht vielmehr ums große Ganze. Und da kommt Temu ganz groß raus. Genauso wie wahrscheinlich alle anderen Unternehmen, die weltweit alles Mögliche zum Verkauf anbieten. Haben wir uns noch vor wenigen Jahren über Übersetzungsfehler in Gebrauchsanleitungen amüsiert, haben jetzt längst die Paradigmen gewechselt. Die Sprachkenntnisse der Übersetzungsgeräte und Marketingfachleute haben sich nämlich enorm verbessert und ihr Sprachschatz hat sich nahezu vervielfältigt. Das ergibt zusammen eine multikulturelle Möglichkeitspalette, die Sie in dieser Form zuvor für unmöglich gehalten hätten.
Sie wollen Beispiele? Die Klick-Stapelboxen, nach denen ich gesucht habe, sind: „erhältlich in frischem Grün, perfekt als Valentinstagsgeschenk oder Ramadan-Aufbewahrungslösung“.* Der lange Holzschuhanzieher, der mir fast wie von selbst auf den Bildschirm erschien, ist ein „ideales Geschenk für Familienmitglieder zum Erntedankfest“. Spätestens, wenn Sie dann wie ich bei Ihrer Suche auf Servietten mit Mond-Öllampen-Design stoßen, wissen Sie, was die Stunde geschlagen hat oder woher der Wind weht. Diese Servietten sind nämlich ganz besonders. Ihre Ecken sind mit filigranen weißen Blatt- und Blütenmotiven mäandernd geschmückt. In der Mitte der Serviette ein Halbmond in Schwarz, ebenfalls filigran und mäandernd. Im Himmel, optisch im luftleeren Raum, aufgehängt, sind weiße Laternen, eigentlich sehr dinglich gezeichnet, dafür aber filigran verziert. Die Farbe der Servietten: ein schlichtes, neutrales, vielleicht eher langweiliges, auf jeden Fall zurückhaltendes Beige. Sei’s drum. Diese „Einweg-Servietten für Ramadan sind auch tauglich für: Valentinstag, Karneval, Mardi Gras, Kölner Karneval, Ostern, Hochzeiten“.
Jetzt staunen Sie, nicht wahr? So viel Vielfalt und so viel Multikulti auf einer faltbaren Serviette! Den Karneval finden Sie in Verbindung mit Hochzeiten etwas eigenartig? Aber er ist motivisch eingearbeitet. Die mäandernden kleinen Pinselstriche des Mondes sind nämlich keine kleinen Blütenblätter, wie man vermuten könnte. Wenn man ganz genau hinsieht, verstecken sich hinter diesen Pinselstrichen im Halbmond lauter kleine Clownsgesichter.
Hier kennt jemand die Zeichen der Zeit und weiß sie symbolisch miteinander zu verbinden. In einer Welt, die so unfriedlich und kriegerisch ist, wie die unsere, kann es doch gewiss nicht schaden, wenn beim Fastenbrechen in islamischen Haushalten eine Kölner Pappnas, ein verschmitzt lachender Chinese und ein bärtiger Franzose in einem Halbmond versteckt darauf hinweisen, dass wir doch alle irgendwie lustig sind. Wer das aber nicht will, der braucht diese Gesichter übrigens gar nicht zu sehen. Sie sind nämlich allesamt als optische Täuschung auf die Serviette gestrichelt. Man kann das ganze Mäander auch nur als Muster wahrnehmen.
Nun ist also das Marketingmuster von Temu erkannt: Es sind die Feiertage. In ihnen liegt ein wahnsinniges Verschenkpotenzial. Und wenn ich hier „wahnsinnig“ schreibe, dann meine ich es wörtlich. Da gibt es zum Beispiel kleine Kärtchen, auf denen Sie vier bis fünf farbige Punkte nach einer zuvor abgebildeten Reihenfolge miteinander verbinden müssen. Ähnlich wie beim Malen nach Zahlen. Der Clou ist, dass die Punkte dann natürlich nicht in naheliegender Linienfolge aufgereiht sind, sondern kreuz und quer. Sie müssen also während des Malens sich von Grün nach Gelb und von Rot nach Blau suchen. Was aussieht wie ein Lernprogramm für Vorschulkinder wird aber vermarktet als: „12 Seiten wiederverwendbare und abwischbare Stifte zum Training von Verbindungsarten, entwickelt für visuelle Verfolgung und Aufmerksamkeitsfokus, hilft Senioren bei der Verbesserung des Gedächtnisses, Lernen und als pädagogische Schreibwerkzeuge, perfekt für Muttertag, Weihnachten“.
Aber auch bei Hygieneprodukten legen die Marketingexperten Wert auf Vielfalt. So sind zum Beispiel Damenbinden, dem Trend der Gegenwart gemäß, waschbar und wiederverwendbar, weich und bequem – und: unisex.
Sie merken: Es kommt vor allem aufs Stichwort an, oder sagen wir aufs Suchwort. Und Texte, die wirken, als seien sie vor allem schlecht übersetzt, sind in Wirklichkeit nur eine maschinelle Zusammenstellung von Suchwörtern.
Zum Abschluss preise ich Ihnen hier noch einen wunderbaren Suchwortsalat an: „120 Stück Interdentalbürsten in verschiedenen Farben – Weiche Nylonborsten, farbenfroher ergonomischer Griff, kompaktes & tragbares Design für Mundhygiene und Lebensmittelentfernung, ideales Geschenk für Erwachsene und Zahnärzte“
Ich bin mir sicher: Ihr Zahnarzt wird von einem solchen Geschenk mindestens so begeistert sein, wie die Mutter, die nach dem Muttertag farbigen Punkten auf Kärtchen hinterherzeichnen soll. Und ich bin mir auch sicher: Temu ist nicht nur eine Schatzkiste voller praktischer und unpraktischer Helfer und Gebrauchsgegenstände. Sondern auch eine Fundgrube voller sprachlicher Schön- und Unschönheiten. Stilblüten sind nichts dagegen. Fehlt nur noch eine Antwort auf die Frage: Was eigentlich ist ein tragbares Design?
* Die Links zu allen Produkten und Zitaten spare ich mir und Ihnen, denn sie sind ellenlang. Die Zitate müssen Sie mir für dieses Mal einfach blind glauben – oder Sie suchen sie bei Temu wieder. Ich verspreche Ihnen, auch wenn Sie sie dort nicht finden: fündig werden Sie trotzdem.
