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CovPass: Noch nicht alles passt so ganz, dafür passiert aber wenigstens was

Das wird eng: Es drohen die Sommerferien und der digitale Impfnachweis. Weil’s europäisch beschlossen ist, weil’s praktisch ist, weil’s Urlaubskontrollen erleichtert. Ist auch alles ganz leicht, wenn man sich beim Bundesgesundheitsministerium durch die Web-Seite liest. Zumal das gelbe Heft weiterhin gilt und auch an Menschen ohne Smartphone gedacht ist. Die kriegen einen QR-Code zwar nicht aufs Auge gedrückt, aber doch als Papier auf die Hand.

Doch auch hier liegt der Teufel im Detail. Denn so ein Impfausweis muss erst einmal erstellt werden. Das geht, laut Bundesgesundheitsministerium so:

„Der digitale Impfnachweis wird in der Arztpraxis oder in einem Impfzentrum generiert. Nach Eingabe oder Übernahme der Daten wird ein 2D-Barcode erstellt, den die Nutzer direkt abscannen können oder auf einem Papierausdruck mitbekommen und später einscannen können.“
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/coronavirus/faq-covid-19-impfung/faq-digitaler-impfnachweis.html

Merken Sie was? In dem Satz mit der „Eingabe und Übernahme“ fehlt das Subjekt. Da ist niemand, der eingibt und übernimmt. Sprachlich geht das ganz einfach: Im Passiv erduldet das Objekt stillschweigend Eingabe und Übernahme und braucht auch vom Täter nichts zu wissen.

Aber die Vermutung, dass hier Impfzentren und Arztpraxen gemeint sind, grenzt an Sicherheit. Sie sind nämlich das Subjekt bei der Generierung des Ausweises. Doch auch hier gilt: Wer macht’s? Klar, die Arzthelferin, ganz nebenbei. Wahrscheinlich während sie zugleich das Telefon bedient, das schon lange vor dem 7. Juni zur Impfhotline geworden ist.

Nun wird die KV Nordrhein laut und deutlich:

 „Eine Pflicht der Ärzte, die Corona-Impfungen in den Digitalnachweis zu übertragen, lehnen wir strikt ab“,
zitiert der Kölner Stadt-Anzeiger Sven Ludwig von der KVNO im ots-Pressespiegel und zieht mit Monika Baaken vom Hausärzteverband nach: Dafür gebe es in Deutschland andere Behörden.
https://www.presseportal.de/pm/66749/4919458

Dreh- und Knackpunkt: Der digitale Impfausweis ist ein Reisedokument. Detlef Schmalenberg berichtet im „Hintergrund“ des Kölner Stadt-Anzeiger heute auf Seite 4 ausführlicher. Digital und hinter Bezahlschranke ist der Bericht hier zu finden:
https://www.ksta.de/ratgeber/gesundheit/digitaler-impfnachweis-hausaerzte-schlagen-alarm-38404470?cb=1621495658319

Die Schweiz hat’s offenbar andersherum versucht. Dort haben sich, so berichtet heise online 450000 Schweizer auf einer Plattform mit ihren Impfdaten registriert, mehr als die Hälfte davon Covid-Geimpfte. Die Stiftung, die das Ganze organisiert hat, hat aber nun den Geist aufgegeben, salopp gesagt. Die Daten sind nicht sicher und die Sicherheitslücken sind groß. Das Schönste: Jeder konnte sich als Arzt registrieren – und danach auf die Daten aller zugreifen. Mit technischem Geschick und Verständnis sie möglicherweise sogar manipulieren:
https://www.heise.de/news/Schweizer-Farce-Digitaler-Impfausweis-scheitert-in-Skandal-6047902.html

Gut, das ist sicher nicht unser Weg. Unser Weg geht so: Plötzlich und unerwartet stellen wir fest, dass in den Sommerferien, von denen nicht zu erwarten war, dass etwas von ihnen zu erwarten sein würde, möglicherweise Urlaub möglich ist. Oder so. Und plötzlich erinnert sich, ja wer denn eigentlich, daran, dass der digitale Impfausweis von Seiten der EU ja seit Anfang des Jahres beschlossen ist. Info auf der Seite des Bundesgesundheitministeriums:

„Zu Beginn des Jahres wurde durch den Europäischen Rat beschlossen, einen interoperablen und standardisierten Impfnachweis für medizinische Zwecke auf den Weg zu bringen. Deutschland wird diese europäische Entscheidung nun schnell umsetzen, um allen Bürgern, die dies wünschen, einen digitalen Impfnachweis zur Verfügung stellen zu können.“
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/coronavirus/faq-covid-19-impfung/faq-digitaler-impfnachweis.html

Die Analyse des Sachverhalts wird leicht, wenn man sich auf die Zeitangaben konzentriert: zu Beginn des Jahres – und nun. Vor allem: schnell. Gewiss, daran habe ich keinen Zweifel, laufen die Vorbereitungen zum digitalen Impfausweis seit Beginn des Jahres – oder sogar noch länger. Doch nun und schnell muss man herausfinden, wie denn die Daten in den Impfausweis kommen. Es ist ja nicht damit getan, die aktuelle Covid-Impfung einzutragen, oder doch? Und die Generation derer, deren Impfausweis in der frühen Kindheit im Elternhaus irgendwo liegengeblieben ist, ist ja längst nicht mehr die Mehrheit.

Tja, jetzt wird’s also eng. Gesucht wird jemand, der in der Lage ist, Impfausweise zu lesen und zu verstehen – das ist ja im Zweifel eine eigene Wissenschaft – sie auf Plausibilität zu prüfen, denn da wo kein Papierchen geklebt wurde, sind Handschriften wahrscheinlich längst verblasst. Dieser qualifizierte Jemand muss dann Zeit haben, die Dinger einzuscannen? Einzulesen? Einzutippen? Im Text des Bundesgesundheitsministeriums war hier von der „Eingabe und Übernahme der Daten“ die Rede. Aber welche Daten sollen übernommen werden, und wenn ja, jetzt sofort? Von wem? In welcher Ausführlichkeit?

Menschen, die auf der Softwareseite der Gesundheitsdaten arbeiten, programmieren, lenken, leiten, steuern, wissen, was das heißt: Egal welchen Automatismus man da für die „Übernahme und Eingabe“ erfolgreich einsetzen kann, am Ende bleibt irgendetwas übrig, was klappert, hakt, nachgetragen, recherchiert und repariert oder angepasst werden muss. Und wenn nicht irgendeiner den Automatismus überprüft, können da auch schon mal die Daten so schief ineinandergreifen, dass nichts mehr stimmt. Glücklich dann der Fall, in dem’s augenfällig wird. Und wir reden ja nicht über Daten, die irgendwo gesammelt in irgendeiner Software vorliegen. Wir reden über Daten, die mal im Impfheft sind und mal beim Arzt. Und die Infos der Arztsoftware müssen da keineswegs den Infos im gelben Heft entsprechen, da der Patient bei mehreren Ärzten war und im Zweifel nicht bei jeder Impfung das gelbe Heft mit sich führte.

Aber vielleicht habe ich ja auch alles falsch verstanden. Zumindest ist es wirklich nicht leicht, die Komplexität des Vorhabens zu begreifen. Vielleicht soll ja am Ende doch nur die Corona-Impfung eingetragen werden? Schließlich gibt es seit wenigen Tagen den neuen Namen „CovPass“. Und der kann dann auch Zusatzfunktionen beinhalten. Nämlich die Info über den negativen oder positiven Coronatest. Zum Beispiel.

Was so genau, wann, warum und in welcher Reihenfolge in welchen Ausweis soll, ist aber nicht nur mir nicht klar. Auch die Programmierer stöhnen: Sie erhalten täglich neue Anweisungen, berichtet die Wirtschaftswoche. Wer den Überblick über den Stand der Dinge wirklich und grundsätzlich verlieren will, der lese dort weiter. Und nicht, dass Sie meinen, damit wolle ich die Wirtschaftswoche kritisieren. Keineswegs, eher im Gegenteil: Hier ist am 17.05.2021 alles gesammelt, was darauf hindeutet, dass zu Beginn der Sommerferien der CovPass ins schönste Urlaubschaos führt. 15 verschiedene Softwareprogramme in den deutschen Impfzentren, eine niedrige dreistellige Zahl an Softwareprogrammen in den deutschen Arztpraxen, die per Schnittstelle oder wie auch immer denselben Ausweis generieren werden sollen können. Bis zu den Sommerferien. Das ist doch mal ne schöne Aufgabe.
https://www.wiwo.de/technologie/digitale-welt/digitaler-impfpass-wie-die-jagd-auf-ein-bewegliches-ziel/27196208.html

Das geht natürlich nicht gut und manchmal gar nicht, und da in der Wirtschaftswoche möglicherweise konkreter gearbeitet wird, als auf der Seite der Bundesregierung, kommt hier auch der ganze Arbeitsgang zur Sprache:

„Doch dass jedes Praxisprogramm bis Ende Juni direkt mit dem zentralen Zertifikateservice des Bundes verknüpft ist, gilt als ausgeschlossen. Mindestens aber, so die Planung im BMG, werde es von jeder Praxis aus möglich sein, die digitalen Belege für die Geimpften über eine gesicherte Browserverbindung auszustellen und das Nachweisblatt in der Praxis auszudrucken.“
https://www.wiwo.de/technologie/digitale-welt/digitaler-impfpass-wie-die-jagd-auf-ein-bewegliches-ziel/27196208.html

Fazit: Per Kryptoschlüssel gibt’s im Zweifelsfall einen Papiernachweis mit QR-Code. Und der zu Urlaubende nimmt das gelbe Heft mit auf die Reise und den QR-Code auf Papier, der kryptoverschlüsselt wurde. Meiner Meinung nach wäre es für diesen Urlauber einfacher gewesen, sich die Impfung ins gelbe Heft stempeln zu lassen. Denn wo und wie der Zettel reißt, bleibt jedem selbst überlassen. Dass er reißt, weiß jeder, der schon mal mit Bescheinigung in den Urlaub fuhr.

Den schönsten Satz aus der Wirtschaftswoche am Schluss, denn damit sind Sie dann doch wieder einigermaßen auf dem Stand der Dinge, glaube ich:

„Tatsächlich ähnelt der Versuch, den elektronischen Nachweis termingerecht fertig zu entwickeln, der Jagd auf ein bewegliches Ziel. Denn noch immer ist nicht endgültig geklärt, welche Informationen im Einzelnen in dem digitalen Dokument gespeichert sein sollen und wie die einzelnen Datenfelder spezifiziert sind. Die entsprechenden Verhandlungen darüber zwischen dem Europaparlament und dem Ministerrat, der die Regierungen der EU-Länder vertritt, laufen noch.“
https://www.wiwo.de/technologie/digitale-welt/digitaler-impfpass-wie-die-jagd-auf-ein-bewegliches-ziel/27196208.html

 Na denn mal Prost, würden wir nicht nur auf gut Norddeutsch sagen. Übersetzt: Wohl bekomm’s.

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