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Kleine Alltags-Göttelei

Ich muss zugeben, Hygiea war mir lange Zeit vollkommen unbekannt – trotz Latein- und Geschichtsunterricht im Gymnasium. Sie gilt in der Antike als Göttin der Gesundheit – und so recht waren sich die Griechen nicht einig, woher sie gekommen ist: Mal ist sie die Tochter des Asklepios, mal ist sie seine Frau. Auch an Hermes Seite kommt sie vor. Aber man kann sie gut erkennen: Mit ihr ist meist eine Schlange unterwegs, die sie aus einer Schale tränkt. Oder aber sie hat ein Füllhorn voller Früchte dabei. Das macht allerdings wieder verwechselbar. Auf jeden Fall deutet ihre uneindeutige Identität doch wohl darauf, dass sie erst später zur göttlichen Gruppe gestoßen ist.

Nun sind einige Jahrhunderte ins Land gezogen und wir gestalten keine Gottheiten mehr zur Skulptur. An Anbetung brauchen wir schon gar nicht denken. Hygiea ist uns abstrakt geworden, hat aber deutlich an Aufmerksamkeit gewonnen. Daran ist nicht allein Corona schuld, es fing schon an vor Jahren, als die Bäckereifachangestellten die Brötchen nur noch mit Handschuhen aus Plastik anfassen durften. Die Köche in den Kochsendungen zogen nach – auch vor Corona. Wenngleich ihre schwarzen Handschuhe ungleich edler daherkommen. Und nun, mit Corona, boomt die Hygiene-Branche, ohne dass der zugehörigen Göttin ein Altar gebaut worden wäre, oder?

Selbstverständlich ist Vieles, was der Hygiene dient, nützlich und unverzichtbar: Mundschutz, Desinfektionsspray – keine Frage. Es gibt aber auch Dinge zu kaufen, die ganz eindeutig der Huldigung ferner Gottheiten dienen müssen. Da gibt es kontaktlose Türöffner, die sich im günstigsten Fall auch am Einkaufswagen einsetzen lassen. Aus Plastik oder Edelstahl, je nach Portemonnaie. Oder waschbare Griffhüllen mit Reißverschluss – ebenfalls für den Einkaufswagen. Wenn das keine neue Form der Huldigung ist!

Gut, pragmatisch betrachtet ist es einfach nur eine neue Form von Geschäftemacherei. Und die Geschäfte blühen lange nicht mehr überall, aber dort wo sie im Namen der antiken Göttin auftreten, doch ganz außerordentlich. Die Erfindungen und Erneuerungen hören ja auch nie auf. Medizinische Masken gibt’s mittlerweile nicht nur, zusätzlich zum hygienischen Weiß, in modischem Schwarz oder Rosa: Jetzt im Frühling gibt es sie mit Blümchen, mit Pünktchen, im Wasserfarbenwischiwaschi oder nahezu schlicht mit feinem ornamentalen Muster. Damit soll ganz gewiss nicht nur der Hygiea gehuldigt werden, die Schönheit hat aber ehrlich gesagt meist wenig davon.

Wobei auch die Huldigung, sprachlich betrachtet, göttlichen Ursprungs ist. Sie können wählen zwischen der alttestamentarischen Prophetin Hulda oder der Frau Holle. Und auch wenn die Jahrhunderte ins Land gegangen sind: Ich bin am Ende doch nicht geneigt zu glauben, dass wir die Huldigung vergessen haben.

Die Inder, denen das Leben mit vielen Gottheiten noch immer selbstverständlich ist, sind da etwas unmittelbarer als wir. Im Nordosten Indiens beten die Frauen die neue Göttin Corona an, berichtet der WDR schon im August 2020. Und wie sich das für eine Göttin gehört, ist sie den Menschen erschienen. Und Anweisung hat sie auch gegeben. Das Unglück der Welt kommt nämlich, Sie ahnen es, daher, dass niemand der Göttin Corona huldige. Praktischerweise bittet sie aber darum, nicht im Tempel, sondern draußen angebetet zu werden.

Hier der Link zum dreiminütigen Podcast:
https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-diesseits-von-eden/audio-beten-zur-goettin-corona-in-indien-100.html

Und nicht, dass Sie denken, ich mache mich hier lustig! Die Frauen in Indien haben einen Weg zur Hoffnung gefunden und der scheint mir im Moment weniger lächerlich als ein Türöffner, der dem Fleischerhaken doch recht ähnlich sieht und der im Zweifelsfall keine Bedenken hat, das Virus am Ende doch wieder in die Hände seines Benutzers zu legen.

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