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Wenn die innere Stimme verwortet wird ...

Was da alles in den Köpfen der Menschen los ist – das geht auf keine Kuhhaut. Wer denkt, seine innere Stimme sei sein ständiger Begleiter, manchmal Freund, manchmal Feind – auf jeden Fall ein Teil vom Ich, der liegt gewiss nicht falsch. Aber auf dem Laufenden ist er nicht. Sprachlich nicht, analytisch nicht, psychologisch nicht.

Gut, wir wissen, dass es psychisch kranke Menschen gibt, die ein ganzes Stimmengewirr im Kopf haben. Viele einzelne Charaktere. Oder die Stimmen hören, die Unsägliches, Unmögliches und Unerträgliches fordern.

Dass unser Kopf zu einem Schauplatz heftigster Auseinandersetzungen werden kann, wer wüsste das nicht? Aber um den inneren Kopfsalat zu beschreiben, reicht das alles nicht aus.

Der Wechsel zum Salat kam Ihnen jetzt etwas holprig vor? Dann fangen wir mit dem Food Noise an. Das ist der Krach, den Ihre innere Stimme schlägt, wenn sie ständig ungefragt und ungewollt das Thema Essen nicht auf den Tisch, sondern aufs Tapet bringt. Sollte es nicht nur ums Essen gehen, was da Ihre Stimme Ihnen alles so flüstert, dann sprechen Sie von Brain Chatter oder etwas distinguierter von Mental Noise. Sollten Sie dafür die Benennung mentales Rauschen benutzen wollen, Sie stünden ganz gewiss außerhalb aller öffentlichen Diskussion. Vielleicht aber innerhalb eines Fachkreises.

Nun gibt es natürlich auch noch mehr unangenehme Themen, die im Kopf kreisen können, aber keine Nahrung betreffen. Sie könnten, wollten Sie dieses Phänomen einem Psychologen schildern, selbstverständlich Deutsch reden und behaupten, dass Sie aufdringliche Gedanken haben. Im glücklichen Fall schreibt Ihr Psychologe das auch so ins Protokoll. Oder er formuliert: Den Patienten quälen Intrusive Thoughts.

Sollten Sie sich irgendwelchen Süchten hingeben, kennen Sie ganz bestimmt den Suchtdruck. Aber der ist sprachlich offenbar veraltet. Also: Ihre Gier nach der nächsten Zigarette, Tablette oder dem nächsten geistvollen Getränk benennen Sie, wenn Sie im Zeitgeist bleiben wollen, mit dem Wort Craving.

Diese ausgesprochen vielfältige Begriffspalette soll dazu dienen, ich habe da keinen Zweifel, der inneren Stimme genügend Ausdruck zu verleihen. Und nicht nur das: Mit diesen Benennungen können wir alles in den Griff kriegen, was uns an unserer inneren Stimme nicht passt. Stempel drauf. Einmal mit bösem Gesicht in den Spiegel gucken. Innerlich ein „Klappe halten“ formulieren, sich disziplinieren.

Das ganze sprachliche Programm hat, auch da bin ich mir sicher, eine Absicht: Es soll Ihre Performance steigern. Körperlich machen wir das ja alle schon eine ganze Weile. Der Körper wehrt sich auch nicht, wenn wir ihn definieren. Er kann ja gar nicht plappern. Er kann sich allenfalls verweigern. Das aber macht er erst relativ spät.

Die innere Stimme aber plappert im übelsten Falle tatsächlich permanent vor sich hin. In Ihrem Kopf. Was aber, wenn sie recht hat? Vielleicht sollten Sie tatsächlich schnell einen Kopfsalat zubereiten, weil Sie wirklich Hunger haben. Sollten Sie sich aber nicht entscheiden können, ob und warum Sie wann und wieso was überhaupt essen sollen und welche Beweggründe für diesen Wunsch nach Nahrung geltend gemacht werden können: Sie sind jetzt beim Overthinking angekommen. Das kann im übelsten Fall dazu führen, dass alle Gedanken und der ganze Lärm im Gehirn miteinander verschmelzen, sich kombinieren, ins Leere führen. Klassischer Fall: Sie stehen jetzt mitten im Brain Fog.

Die Leute, die Ihnen mit diesem Vokabular unter die Haut und ins Hirn wollen, haben möglicherweise einen an der Waffel. Die ganze Wahrheit ist: Ihre innere Stimme gehört Ihnen. Lassen Sie sich da nichts einreden. Sollten Sie aber tatsächlich von vielen Stimmen bevölkert sein, im Kopf ständig den Lärmpegel einer belebten Schankwirtschaft mit sich herumtragen: ab zum Arzt. Und sonst: Suchen Sie nach innerer Versöhnung, nicht nach Vokabular.

Kleine Rede wider die deutlichen Worte

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