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Kommentar: Die Diskussion zum Krankenstand verfehlt ihr eigenes Thema

Und? Kennen Sie den Refrain schon auswendig? Wir singen, Sie haben es schon gemerkt, wieder das Lied vom hohen Krankenstand in Deutschland. Bundeskanzler Friedrich Merz hat angestimmt. Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Bad Rappenau, der zweitgrößten Stadt im Landkreis Heidelberg im Lande Baden-Württemberg. Die Landtagswahl ist schon bald, am 8. März.

Aber halt, ich bin ungenau: Das Lied vom hohen Krankenstand wurde schon gleich nach dem Jahreswechsel gesungen – und zwar auf der Klausurtagung der CSU. Und dort wurde als Beschluss gefasst die Forderung nach Abschaffung der telefonischen Krankschreibung.

Nun ist Wahlkampf in Baden-Württemberg und Friedrich Merz singt denselben Text. KBV-Chef Andreas Gassen fällt ein und stimmt ihm zu. Die telefonische Krankschreibung lade natürlich zum Missbrauch ein, wird er in den Nachrichten gerade gerne und überall zitiert (alle Links unten am Ende des Textes).

Hängt Andreas Gassen nun sein Fähnchen in den Wind? Oder segelt er im Windschatten? Sicher ist: Gassen verfolgt seine eigenen Ziele – und die sind sehr viel grundsätzlicher. Sein Vorstoß im Oktober 2025: Die Abschaffung der AU in den ersten drei Tagen. Die nämlich produziere Abertausende von Arztbesuchen, die nicht notwendig seien. Und vielleicht könne man bei der Gelegenheit auch gleich die Dreitagepflicht zur Vier- oder Fünftagepflicht ausweiten.

Dass Gassen mit diesen Vorschlägen bei Bundesgesundheitministerin Nina Warken keineswegs auf offene Ohren oder Türen stieß, ist nicht verblüffend. Und dass Gassen seine Idee weiterverfolgt, verwundert auch nicht. Denkt man sein Modell zu Ende, dann bedarf es der telefonischen Krankschreibung schlicht gar nicht: Ein kranker Arbeitnehmer mit fünf Karenztagen ist nach diesen Tagen entweder wieder gesund oder aber ernsthaft krank – und ein Gang zum Arzt ist sowieso notwendig.

Bleibt die Frage, warum Gassen Merz zur Seite springt. Oder hat er sich einfach nur medial verkalkuliert. Vielleicht hatte er gehofft, die Diskussion in seinem Sinne verschieben zu können. Und vielleicht spielt er dabei mit dem Feuer: Hinter Merzens Forderung, die natürlich auch die Forderung der CDU ist, stecken die Wirtschaftsverbände, die nicht wirklich den hohen Krankenstand meinen, wenn sie klagen. Sie suchen nur nach Wegen der Produktivitätssteigerung. Denn dass der Krankenstand auch deswegen eklatant gestiegen ist, weil die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen mittlerweile alle – und die Betonung liegt auf alle – elektronisch erfasst werden, hat sich mit Sicherheit auch bis dahin rumgesprochen.

Was aber ist, wenn die Wirtschaftsverbände den Wert der Forderung von Andreas Gassen entdecken. Denn am Ende steht doch die Frage: Wer bezahlt die Karenztage? Arbeitgeber oder Arbeitnehmer?

Kann sein, dass das Spiel des KBV-Vorsitzenden ein wenig brenzlich ist.

Und was die telefonische Krankschreibung betrifft: Die Zahlen des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Versorgung vom Oktober 2025 sind beeindruckend. In 2023 sind nur 0,9 Prozent der Krankschreibungen durch einen Telefonanruf zustande gekommen. Allerdings – und diese Zahl ist noch viel beeindruckender: von 2021 auf 2022 ist die Zahl der Krankschreibungen um 70 Prozent gestiegen. Das ZI vermutet hier zwei Gründe: Corona und die Einführung der elektronischen AU.  (Apothekenumschau, Link unten).

Tja – und jetzt setzt sich Friedrich Merz im Wahlkampf ein für die CDU in Baden-Württemberg. Eigentlich müsste er sagen: Die Pandemie ist vorbei. Geht hinaus in alle Welt, vor allem auch krank zur Arbeit – denn Erkältungs- und Grippeviren haben uns doch vor der Pandemie auch nicht geschadet. Aber wer sagt schon sowas?

Ausgewählte Links, inklusive der im Text verwendeten Quellen:

Die Apothekenumschau am 02.10.2025 mit den Zahlen des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Versorgung zum Krankenstand und zur telefonischen Krankschreibung:
https://www.apotheken-umschau.de/news/telefonische-krankschreibung-nicht-hauptursache-fuer-hohen-krankenstand-1419561.html

Der RND am 12.10.2025 über Gassens Forderung nach Karenztagen statt AU-Pflicht nach drei Tagen:
https://www.rnd.de/politik/kassenaerztechef-gassen-fordert-lockerung-bei-krankschreibungen-JGNXDOB4WRCIPMRMSNFS3BWD44.html

Der Tagesspiegel am 15.10.2025 mit der Ablehnung Warkens von Gassens Vorschlägen:
https://www.tagesspiegel.de/gesundheit/nach-vorschlag-des-kassenarzte-chefs-bundesgesundheitsministerin-will-an-regeln-zur-krankschreibung-festhalten-14540471.html

t-online am 03.01.2026 mit einem Text aus dpa und Reuters über die Forderung der CSU nach Abschaffung der telefonischen Krankschreibung:
https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_101066088/csu-fordert-ende-der-telefonischen-krankschreibung-in-deutschland.html

Der dpa-Artikel zu Merzens Äußerungen auf der Wahlkampfveranstaltung in Bad Rappenau. In Apotheke adhoc, 17.01.2026
https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/politik/merz-kritisiert-hohen-krankenstand-ist-das-wirklich-notwendig

Die „Welt“ am 19.01.2026 über Gassens Beipflichtung zu Merzens Äußerungen – und zu Gassens Forderung nach Abschaffung der „Bagatell-AUs“
https://www.welt.de/politik/deutschland/article696c90b49f3f2063cee69602/krankschreibungen-kassenaerzte-chef-gassen-gibt-merz-recht-sehr-hoher-krankenstand.html

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