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Von Vischen und anderen Rechtschreibeübungen

Ihnen kann niemand ein X für ein U vormachen? Gut so, aber nun müssen Sie aufpassen, dass Ihnen niemand ein V für ein F vormacht. Es sei denn, Sie essen vegan oder vegetarisch. Dann nämlich müssen Sie aufpassen, wer Ihnen ein V für ein F serviert.

Die NORDSEE, also die Firma mit den Großbuchstaben in Blau und dem roten Fisch daneben, ist seit April öffentlich auf dem Weg zu „neuen Ufern“, wie sie selbst in einer Pressemitteilung schrieb. Am anderen „Ufer“ der Nordsee angelt die NORDSEE nun nach Fischen mit V am Anfang. Die kommen dann am Ende ins BackVisch-Baguette – und dann auf den Teller veganer oder vegetarischer Kunden.

Zumindest will der Kunde, der den BackVisch bestellt, in wenigen Minuten vegan essen. In der NORDSEE, seit April. Theoretisch. Denn dann kam die nicht ganz so perfekte Welle: Youtube, der Medienkonzern Ippen, die MOPO, vegane Foren und bestimmt noch einige andere Stimmverstärker empörten sich unisono: Der vegane BackVisch wird in der NORDSEE nämlich mit dem gemeinen Backfisch zusammen frittiert. Im selben Fett. Wenngleich auch das Frittierfett pflanzlich ist: Das gemeinsame Fettbad nimmt dem BackVisch seine ganze Unschuld, noch bevor er überhaupt aufs Baguette kommt. Vegan ist er nach dem Bad im Fettnapf gewiss nicht mehr. Theoretisch zumindest – und der gemeine Veganer hält ja bekanntlich viel von der Theorie.

NORDSEE zum BackVisch:
https://www.nordsee.com/de/produkte/backvisch-baguette/

Ruhr-Nachrichten, 16.04.2021:
https://www.ruhr24.de/service/nordsee-fisch-vegan-blamage-restaurant-zubereitung-fehler-produkt-angebot-wut-kunden-kette-90460228.html

MOPO, 22.04.2021:
https://www.mopo.de/hamburg/visch-chips-nordsee-setzt-auf-veganen-fisch-ernaehrungsexpertin-warnt-38311364/

Nun hat der Visch sein Vorbild beim Vleisch. Oder andersherum. Sprachlich geht das noch sehr viel weiter: Sie können auch Vähnchen und Vizza bestellen. Falls Sie die ganze Valette interessiert:
https://www.bedeutungonline.de/vleisch/

Um wie viel unkomplizierter sind hier doch, zumindest sprachlich und orthograpisch, die veganen Kuhbonbons! Kein falsches V, kein falsches F. Aber die gleiche niedliche Kuh, die uns Fleischessern die Karamellbonbons in karamellfarbener Tüte präsentiert. Einziges Merkmal: Vegane Kuhbonbons haben eine grüne Tüte. Infos beim Naschkater, von Oliver Numrich, 20.04.2021:
https://naschkater.com/2021/04/20/muuuuhh-bei-kuhbobons-aus-karamell-gibt-es-viele-originale/

Aber die Kuhbonbons führen uns auf die falsche Fährte. Hier geht’s um die Austauschbarkeit von F und V. Und die haben, das beruhigt jetzt ungemein, nicht erst die Vegetarier (Fegetarier?) erfunden: Das Vegefeuer, dessen Ursprung datiert wird mit 1947, scheint mir älter. Denn laut Werbung liegt sein Anfang in alten Glasflaschen des Großvaters, die sich auf dem Dachboden fanden. Das nicht schriftlich überlieferte Rezept fürs Vegefeuer haben die klugen Enkel dann als Grundlage für ihr nächstes Produkt genommen: den Veierlikör. Auch fein. Der Schritt zum Wein ist jetzt sprachlich nicht wirklich weit, führt aber trotzdem in andere, himmlischere Gefilde. Im Fegefeuer, so viel ist gewiss, wird Ihnen kein Wein ausgeschenkt, auch wenn er noch so rein ist. Dort wird Ihnen auch kein X für ein U vorgemacht. Dort schmoren Sie mit doppelten F. Also wahrscheinlich bleiben Sie besser beim Vegefeuer, zumindest wenn Sie nicht auf Alkohol verzichten müssen.
https://www.vegefeuer.com/

Das Veggiefeuer hingegen ist sprachlich noch eine vollkommene Leerstelle. Sollten Sie nicht auf das Fegefeuer warten wollen und selbst längst auf Erden eine Brennerei führen: Der Name sei Ihnen geschenkt.  

Das V für Veggie sollten Sie sich aber nicht nur fürs Höllenfeuer merken: Denn selbst wenn das klassische Gummibärchen von Haribo sich Vegetariern und Veganern seit Jahren stolz widersetzt: Die Produktpalette aller Süßigkeitenhersteller ist enorm gewachsen. Gelatine ist schließlich nicht unersetzlich. Ein V auf der Tüte bei Haribo heißt jetzt: Diese Tüte können Sie gefahrlos essen – kein Tier musste dafür seine Knochen hergeben. Der Clou: Das V kommt graphisch daher wie das Urteil vom Chef: abgezeichnet, genehmigt.

Ob Haribo (und Konkurrenz) damit tierisch die Kurven kratzen können oder einfach nur dem Trend nachlaufen, diskutiert Markus Werner in „Werner knallhart“ am 09.06.2021 sogar in der Wirtschaftswoche. Knallhart ist hier aber vor allem die sprachliche Aneinanderreihung der neuen veganen Produkte. Orthographie? Wurscht. Oder doch besser Vurscht? Wenn Sie sich nicht so auskennen in der Abteilung Gummi zum Essen, dann sammeln Sie hier genügend Grundkenntnisse, um mitreden und auch mitessen zu können:
https://www.wiwo.de/unternehmen/handel/werner-knallhart-kriegt-haribo-die-veggie-kurve/27267458.html

Zurück zum Alphabet: Das X, das Ihnen statt des U zugeteilt werden soll, hat finanzielle Gründe. Denn in Wirklichkeit war dieses U in römischen Zeiten ein V. Und wenn wir uns ins Rechnerische begeben: Das V ist die Fünf, die Verlängerung des V nach unten hin ergibt ein X. Das ist die 10. Sie müssen also tierisch aufpassen, dass Ihnen jemand nicht die Rechnung verdoppelt und das V zum X macht.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_X_f%C3%BCr_ein_U_vormachen

Apropos tierisch: Beim Stöbern in alten Zeitungsarchiven fand ich eine Nachricht vom Ende der 30er-Jahre: Damals war es gelungen, die Bockwurst und andere Fleischeinlagen für die Suppe so zu verlängern, dass mehr Wurst weniger Fleisch brauchte. Auch der Geschmack soll zufriedenstellend geblieben sein. Und die Rechnung? Kein X für ein U. Längst gab’s offiziell keine Preise mehr, nur Lebensmittelkarten. War die Wurst jedoch verlängert, gab’s mehr „Fleisch“ für die Ration auf der Lebensmittelkarte.

Da ist heute Vieles anders: Die Wurst wird, weil zur Genüge vorhanden, weit unter Wert gehandelt – und die Veggiewurst ist zwar auch leicht verfügbar, ist aber, gemessen an ihren Zutaten, wohl oft ihren Preis nicht wert.

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