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2G, 3G, 0G - sind die Kirchen an Weihnachten wirklich arm dran?

„Was ist schlimmer: Arm ab oder Bein ab?“ Antwort: „Beides. Am liebsten aber Arm dran.“ Uralter, aber wunderschöner Witz, der noch dazu die Pointe in der Groß- und Kleinschreibung versteckt. Lieber arm dran als Arm ab.

So können wir jetzt noch ein bisschen weiterblödeln. Ich komme aber doch auf den Punkt, und der ist auch blöd: Die meisten Ungeimpften haben zwar ihre Arme noch dran, aber sie sind ganz schön arm dran. Auch wenn das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg ihnen den Friseurbesuch wieder erlaubt hat. Haare ab geht also auch ungeimpft. Zumindest in Niedersachsen. Was mit dem Rest des Flickenteppichs ist, wer weiß das schon. Wer nicht selbst unbedingt zum Friseur muss, den lassen solche Fragen nach fast zwei Jahren Corona schlicht kalt.

Die Ungeimpften also dürfen nur noch im Supermarkt einkaufen und mancherorts stehen ihnen körpernahe Dienstleistungen per Gerichtsbeschluss doch zu. Das Recht der freien Religionsausübung – ich nehme gerade Anlauf fürs Weihnachsfest – steht den Ungeimpften auch zu. Es will ihnen nicht einmal jemand nehmen, staatlicherseits zumindest. Es gab und gibt in diesem Jahr keine Debatte, die von staatlicher Seite ausgeht und die ein mutmaßliches kirchliches Infektionsgeschehen in Bahnen halten will. Kein einziger Versuch, die Christmette als Hort der Ansteckung zu verteufeln. Erstaunlich, oder?

Die Kirche hat also deutlich mehr Spielraum und mehr Eigenverantwortung als noch ein Jahr zuvor. Selbstverständlich lässt sie die Masken dennoch nicht fallen. Da wäre ja auch der Spielraum sofort zuende. Nein, die Kirche übernimmt die Verantwortung. Und zwar jeder Kirchturm für sich selbst.

„Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ (Nein, nicht in der Bibel, Karl Marx: MEW 19, 21).

Und während die einen den alten Vers von Matthäus (11,28) aufsagen von:

„Kommt her, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ (= 3G),

sagen die anderen:

„Wir wollen der Verantwortung der Gemeinde und uns gegenüber gerecht werden.“ (=2G)

Auch dieses Zitat könnte ich belegen. Wir reden hier von nämlich von meiner Kölner Kirchengemeinde. Aber sie ist nicht einmal die einzige Kirche, die den Weg der Verantwortung für sich selbst eingeschlagen hat.

Ich persönlich finde diesen Ausschluss ja eher gemein als Gemeinde. Und würde dazu noch gern die Unterscheidung von Klein-g und Groß-G einführen (kleingeistig oder Großgeistlich). Das wird aber jetzt wieder Wortspielerei. Disqualifiziert mich aber keineswegs, denn die Gegner – (großes und kleines G in einem Wort) arbeiten ebenfalls mit Argumenten auf Taschenspielertrick-Niveau.

Zurück in die Kirche: Sie hat also Spielraum, sie wird nicht bedrängt, es versperrt ihr niemand die Tür. Und was macht sie: Mund zu, Augen zu, Tür zu. Die einen zumindest, die mit dem kleinen g. Die mit dem großen G und dem Herzen am rechten Fleck und der Pressemitteilung zur richtigen Zeit, die laden ein mit Abstand, Maske und 3G. Also Religion auch für die Beladenen.

Der RND versucht, die Diskussion und die Lage der Weihnachtsgottesdienste zusammenzufassen. Auf der Suche nach einem Fazit, bleibt dem Autor nur: Die Kirche in Zeiten von Corona ist arm dran. Sie hat zwei Möglichkeiten: Mit 2G die Ungeimpften auszuschließen und mit 3G die Armen, Schwachen und Kranken auszuschließen, die nicht kommen wollen, so die dort aufgestellte Theorie, um sich nicht bei den Ungeimpften anzustecken. Aber gerade die Armen, Kranken und Schwachen seien ja sonst an Weihnachten so allein.

Das Argument ist fast zu schön, um wahr zu sein. Vielleicht gehört es aber in die Kategorie klein-g. Allein sind die Ungeimpften nämlich auch. Der Graben aber zwischen den Ungeimpften mit Maske und Test und den Geimpften mit Maske und Test ist möglicherweise nicht nur klein-g. Sondern Absicht. Auf keinen Fall aber ist der Graben so groß, wie er gemacht wird.

So, nun stehen wir da, es ist kurz vor Weihnachten. Und die meisten Menschen haben ganz andere Probleme, als über den Zugang zur Weihnachtsmesse nachzudenken. Vor allem: Die meisten Menschen sehen auch das Problem nicht wirklich. Aber es ist ein tatsächlich Unterschied, ob ein Ungeimpfter nicht ins Theater oder nicht in die Kirche darf.

Die Kirchen sind also arm dran, ich zitiere aus dem RND-Text:

„Ob 2G oder 3G – in beiden Fällen könnte die Kirche Menschen verlieren, die nur an Weihnachten einen Gottesdienst besuchen. Denn laut Religionssoziologin Neumaier bestehe das Risiko, dass sich manch ein Ausgeschlossener alternative Rituale an Heiligabend sucht, die den Weihnachtsgottesdienst ablösen.“
https://www.rnd.de/politik/corona-gottesdienste-an-weihnachten-ueber-sicherheit-und-regeln-NXOV5VZN3NBC7J7E7Q5D5H6OWY.html

Lassen Sie sich das Zitat noch einmal gut durch den Kopf gehen: Die ganze Gefahr (klein-g und Groß-G), besteht darin, dass sich die Menschen, die nur an Weihnachten zur Kirche gehen, für Weihnachten demnächst andere Rituale suchen.

Ich weiß nicht, wovon die Religionssoziologin Ahnung hat. Vielleicht von Soziologie. Vielleicht hat sie ja sogar auch Recht. Aber worin das Problem besteht, dass Menschen, die nur an Weihnachten zur Kirche gehen, möglicherweise nicht mehr zur Kirche kommen, wenn sie an Weihnachten nur mit 2G oder 3G eingelassen werden, das vermag ich nicht zu sehen. Vielleicht hat die Religionssoziologin halt nur wenig Ahnung von der Religion. Da trifft sich sich aber mit all den anderen, denen ihr Platz in der Kirche auch nicht so wichtig oder nur an Weihnachen nötig ist.

Was ich aber sehe ist, dass nicht nur in meiner Gemeinde diejenigen, die immer (na ja, oder manchmal oder öfter) zur Kirche gehen, der Tür verwiesen werden, weil sie nicht geimpft sind. Und das sind deutlich mehr Menschen als die vielbeschimpften Impfgegner. Es sind die Impfzweifler genauso, es sind die Verwirrten und Unwissenden, es sind aber auch die Kranken, denen ihr Arzt von der Impfung abriet. Für manchen Ungeimpften birgt die Impfung ja tatsächlich ein Risiko.

Aber die Kirche hat einen Auftrag. Und der beinhaltet, dass jeder kommen kann, der mühselig und beladen ist. Und: Gilt denn der Coronatest, der solange galt, nun nichts mehr?

Ja, es geht um die Anzahl der Menschen, die in eine Kirche passen. Und ja, diese Anzahl ändert sich aufgrund von Vorschriften, wenn Ungeimpfte eingelassen werden. Aber: Es gibt einen schicken Ausweg, den die katholischen Bistümer empfehlen: Wenigstens ein Angebot in der Gemeinde, in denen ein Zugang allen Gemeindemitgliedern möglich ist.

Und das soll nicht möglich sein?

In unserer Kirchengemeinde – und das ist jetzt vielleicht die gute Nachricht – findet sich (noch) kein Gemeindemitglied (gemeines Mitglied?) für den Willkommensdienst an den Kirchentüren vor den Weihnachtsmessen. Sie ahnen, warum? Auf einen solchen Euphemismus muss man ja auch erst einmal kommen: Der Willkommensdienst soll diejenigen nachhause schicken, die keinen Impfausweis vorweisen können.

Und noch ein Lichtblick: Es wird mancherorts auch Andachten und/oder Messen für Ungeimpfte geben. Im Fachjargon sagt jetzt man 0G-Angebote.

In diesem Sinne: Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Advent und besinnliche Feiertage - und wenn Sie möchten, auch einen Platz in Ihrer Kirche.

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