Eine Modekrankheit aus Paris -- Die Grippe zu Beginn des 19. Jahrhunderts
Die Grippe – nicht immer weiß der Patient, woher er sie hat und wie sie ihn ergreifen konnte. Genauso wenig wissen die Sprachwissenschaftler über ihre Herkunft Bescheid. Sicher scheint einzig zu sein, dass die Franzosen diesen Namen prägten. Und schon hier scheiden sich die Geister: Die einen sagen, die Grippe ist vom Verb „gripper“ abgeleitet, was nichts anderes heißt, als „ergreifen“. Die Ähnlichkeit des deutschen und des französischen Verbs scheint das zu belegen.
Aber dann gibt es die anderen, und die sagen, das französische Substantiv bedeutet Grille oder Laune. Der Grippepatient wird dies nickend bestätigen können, auch wenn ihm nach Grillen so gar nicht zumute ist und seine Laune sich in Grenzen hält.
Das Herkunftswörterbuch des Wahrig greift noch weiter zurück: Die Grippe, nämlich das französische Wort, könnte demnach zurückgehen auf die russische Heiserkeit: chripe.
https://www.wissen.de/wortherkunft/grippe
Dass die Bezeichnung der Krankheit aus Frankreich kommt, dafür spricht vieles. Vor allem die Zeitungen aus dem Jahr 1803. Damals griff die Grippe nach den Parisern. Aber auch Meldungen aus anderen französischen Städten erreichten die deutschen Zeitungen.
Die Kölnische Zeitung schreibt am 26.02.1803:
„Der lustige Pariser, der gerne über alle Gegenstände entweder scherzet oder dichtet, hat auch über die in Paris noch herrschende traurige Krankheit la Grippe allerhand lustige Geschichten ins Publikum gebracht. – Indessen ist zu befürchten, daß die nicht scherzende la Grippe den Dichter de Lille, im Ernste in die andere Welt schicken werde. – Der gelehrte Mechanikus Tremel ist schon gegrippt worden.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/1078244

Sachlicher und auch informativer hatte das Münsterische Intelligenzblatt am 18.02.1803 aus Paris berichtet:
„Paris, vom 28. Jon.
Die Sterblichkeit ist jetzt hier so beträchtlich, daß die Beerdigungs Verwaltung sich genöthigt gesehen hat zu ihren 80 Pferden noch 60 andere zu miethen. Aus dem Büreau des Nationalschatzes allein sind 350 Commis und Beamte bettlägerig. Den 24sten wurden aus der Munizipalität von Montblane 40 Personen beerdigt. Die Krankheit, welche so viele Menschen wegrafft, wird grippe genannt, und besteht in einem Husten und Schnupfen, der epidemisch zu seyn scheint. Anfangs ist die Krankheit nicht gefährlich, wird es aber, wenn man sie vernachlässigt. Besonders sterben viele Frauenzimmer. Die Aerzte schreiben sie der dünnen Kleidung zu. Nach einer allgemeinen Berechnung sind jetzt weit über 100,000 krank in Paris. Die Krankheit verursacht, daß die Bäcker, welche sonst täglich fünfmal backen, jetzt nur dreymal backen.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/4401403
Der „Beobachter“ (Le Observateur) fasst die Nachrichten über die Grippeerkrankungen in Paris am 18.03.1803 ebenfalls spöttisch zusammen: „Die Grippe. Wie Paris in allem, was Mode ist, den Ton angibt, so scheint es dieses Recht auch jetzt in der Mode-Krankheit behauptet zu haben, von welcher unter dem Namen der Grippe seit einiger Zeit öfters die Rede gewesen ist.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/7401030
Danach wird’s im „Beobachter“ politisch: Die Rheindepartments, die nämlich gerade erst Paris als politische Hauptstadt anerkannt hätten, litten jetzt ebenfalls unter der Grippe, die früher vielleicht wohl nur Schnupfen oder Husten geheißen hätte. Erst danach überlegt der Autor, ob nicht vielleicht in Paris und in den Rheindepartments verschiedene Krankheiten als Grippe bezeichnet würden.
Wer sich mit der Geschichte der Grippe befasst, findet übrigens im Jahr 1803 im „Beobachter“ einige lange Diskussionen und Behandlungsmethoden zur neuen, alten Krankheit, die es früher unter vielen anderen Namen gegeben hatte.
Aber wie gesagt: Zwar ist die Grippewelle von 1803 in den Zeitungen als Modekrankheit deklariert worden, neu war sie keineswegs. In Gestalt der Influenza was sie in den Jahrzehnten zuvor umgegangen. Der Name, den man leicht als Latein einordnet, wurde aus dem Italienischen übernommen – und wer nach einer etymologischen Erklärung sucht, findet natürlich immer die Übersetzung: Die Influenza bezeichnet den Einfluss. Damit war, zumindest im Mittelalter, der Einfluss der Gestirne gemeint. Mehr zur Etymologie hier:
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3291418/?utm_source=chatgpt.com
Ganz sachlich zumindest betrachtet die Lippstädter Zeitung am 25.04.1800 die Krankheit:
„Das Oberkollegium Medicum in Berlin hat bekanntgemacht, daß die jetzt in Preußen herrschende, aus Rußland gekommene, epidemische Krankheit, Influenza genannt, derjenigen, welche 1782 herrschte ganz ähnlich sey. Es warnt dabey gegen Aderlaß, Brechmittel und starke Abführungsmittel, und schlägt dagegen im Umfange der Krankheit gelinde Schweißmittel, am Ende der Krankheit aber stärkende Arzneyen vor, die ein vernünftigen Arzt vorschreiben müsse.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/16068941
Dann scheint es – zumindest in den Zeitungen, die im Zeitungsportal NRW online zu finden sind, fast drei Jahrzehnte ruhig geworden sein um die Grippe. Und am 26.06.1831 meldet der „Kölnische Correspondent“: „45000 Pariser liegen an der Grippe (Cholerina, Influenza) flach.“
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/7395442
Für Medizinhistoriker noch ein spannender Hinweis am Schluss: am 14.06.1833 erscheint im Crefelder Intelligenzblatt ein seitenlanger Aufsatz, der die Grippewellen des 18. Jahrhunderts und die damalige Grippewelle beschreibt – und auch darauf verweist, dass, wenn die Grippe das Feld geräumt hatte, die Cholera ihren großen Auftritt bekam.
https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/7192533
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