Einspruch für die Menschlichkeit -- Papst Leo XIV. zur künstlchen Intelligenz
KI-Antworten, die das Zeug zum Schenkelklopfer haben, kennen Sie bestimmt alle. Und jede Wette: Jedes Betriebsklima bessert sich sofort, wenn zwischen den Schreibtischen, nein, natürlich über die Desktops hinweg, diese Lachvorlagen zum Kettenchat werden. Ich suchte heute, das als Einstieg, nach BMI-Abkürzungen. Der erste Fehler der KI: Sie lieferte mir den Brockhaus. Genauer gesagt: das Bibliographische Institut & F. A. Brockhaus AG.
Auf meine Frage, wo dann bitte das M im Brockhaus versteckt sei:

Schön, oder?
Ich habe aber auch schön Bürgermeister serviert bekommen, die in Wirklichkeit ganz anderen Aufgaben nachgingen. Und ich bin bestimmt mehr als einmal fast auf Wahrheiten hereingefallen, die ich zu gerne geglaubt hätte, die super in meine Texte gepasst hätten – und die einfach so überzeugend dargelegt waren, dass ich erst im allerletzten Moment die Gegenrecherche gestartet habe. Ich habe gewiss schon Dutzende Male laut geflucht, hoffe aber, jedem KI-Fehler noch irgendwie hinterhergekommen zu sein.
Das Dilemma Nummer 1: Mit KI geht die Arbeit schneller. Meint man, stimmt aber nicht ganz – wegen der nötigen Nachrecherchen. Das Dilemma Nummer 2: Das WWW organisiert sich anders, seit die KI das Antworten übernimmt. Oder Google organisiert sich anders, seit die KI das Antworten übernimmt. Oder die Webseiten organisieren sich anders, seit KI sie geschrieben hat.
Noch also kann ich den von der KI erfundenen Bürgermeister immer noch enttarnen (zum Beispiel mit einem Buch zum Thema). Aber bald wird das ganze Internet ein von der KI gefüttertes System sein. Das Perpetuum mobile sozusagen, das sich ständig aus sich selbst heraus ernährt, speist und weiterentwickelt. Den erfundenen Bürgermeister konnte ich der KI eigentlich nur deshalb vorhalten, weil es den richtigen im Internet gar nicht zu finden gibt. Das Netz hat’s halt noch nicht mit der Historie. Wenn aber irgendwann die Geschichtsschreibung – und alles andere übrigens auch – von der KI übernommen wird, brauche ich die Gegenbeweise nicht mehr zu suchen. „Ich mache mir die Welt widde widde wie sie mir gefällt“, sang Pippi Langstrumpf. Wenn Astrid Lindgren nur wüsste, in welche Beliebigkeit diese Freiheit geführt hat!
Warum erzähle ich Ihnen das alles: Die Phase des lachenden Schenkelklopfens scheint vorbei zu sein. Noch immer ernte ich mit dem Brockhaus der irgendwo in der Mitte ein M hat, ein spärliches Lächeln. Ja, so ist sie die KI. Aber vor allem: Mir fliegen die Ethik-Diskussionen um Augen und Ohren. Was wollen wir wie mit der KI anfangen, wie sie begrenzen, wo sind die Maßstäbe, die Latten, die Grenzen, die Aufgaben, die Möglichkeiten, die Unmöglichkeiten. Wo ist das Gemeinwohl und was ist die Würde des Menschen. Ist es witzig, nützlich oder despektierlich, wenn alte Menschen in Pflegeheimen mit KI in menschlicher Gestalt (auch als Spielhündchen) spielend sich unterhalten oder ist es unmenschlich, wenn alte Menschen in Pflegeheimen künftig sich in Pflegesituationen sich ganz ins Vertrauen der KI geben müssen.
Der Fragen sind viele, der Texte auch. Alle wohlgestaltet – und jede Wette: Die KI hat bei einem Drittel dieser Texte wohlwollend mitgearbeitet.
Papst Leo XIII. veröffentlichte am 15. Mai 1891 die Enzyklika Rerum Novarum. Diese Enzyklika gilt als erste soziale Enzyklika und machte Leo XIII. zum „Arbeiterpapst“. Die Enzyklika ist formuliert an einer Zeitenwende – ihr Titel bedeutet nichts weiter als „Enzyklika der neuen Dinge“. Noch heute kann man diese Enzyklika als grundlegend begreifen, wenn man auf der Suche nach dem Verhältnis von Staat und Mensch, Gesellschaft und Familie, Arbeit und Eigentum ist.
Papst Leo XIV. veröffentlichte am Pfingstmontag, dem 25. Mai 2026, die Enzyklika „Magnifica Humanitas“. Datiert aber ist sie auf den 15. Mai. Sie ist seine erste Enzyklika – und der Titel ist mit „die großartige Menschheit“ nur halb übersetzt. Mitgemeint ist mit der Humanitas auch immer die Menschlichkeit.
Sie finden diese Enzyklika derzeit überall in der Presse. Weil sich der Papst zur KI und zum Krieg äußert. Sie finden auch überall den Untertitel: „Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz“.
Das ist ein Titel, bei dem sich dem in diesem Zeitalter lebenden Menschen ja alle Härchen senkrecht stellen müssten – wer von uns wollte nicht bewahrt werden? Wer wollte nicht, dass die Seinen bewahrt bleiben? Aber schlimmer noch: Ist es denn schon so weit, dass wir den Menschen an und für sich retten müssen? Walter Benjamin war von dieser Grenze ja noch meilenweit entfernt, als er sich über „Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ ausließ.
Ja – zwischen damals und heute liegt deutlich mehr als die Wiederholung und die Adaption. Vielleicht war aber die technische Reproduzierbarkeit (nicht nur) der Kunstwerke der erste Schritt auf dem Weg in die Ersetzbarkeit des Menschen. Es ist nicht mehr weit, bis wir uns fragen müssen, was mit dem Menschen im Zeitalter seiner Austauschbarkeit zu geschehen hätte.
Die Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen des amtieren Papstes finden Sie gerade problemlos überall. Und sie finden auch den Verweis auf einen ganz speziellen Gast. Ich zitiere aus der Tagesschau: „Zur Präsentation wurde zudem der KI-Entwickler und Unternehmer Christopher Olah eingeladen. Der Mitbegründer des Technologie-Konzerns Anthropic steht für eben jene ,wirtschaftlichen und technologischen Akteure‘, die Leo XIV. in seiner Enzyklika besonders kritisch in den Blick nimmt.“
https://www.tagesschau.de/ausland/europa/papst-enzyklika-ki-100.html
Mein Tipp: Lesen Sie das Original, geben sie es nicht der KI für eine eigene Zusammenfassung. Die Enzyklika hat mehr als 100 Seiten – wenn Sie sie als Buch kaufen, können Sie sogar mit über 200 Seiten rechnen. Klüger ist es, auf die Seiten des Vatikan zu gehen – denn im Zeitalter des Internets können Sie hier aufgrund der Verlinkungen der Einzelüberschriften gezielt so lesen, wie es Ihnen recht ist. In der Zeit, die sie selbst brauchen. Vor allem aber: Niemand schreibt Ihnen vor, was Sie zu lesen haben. Es ist ganz allein Ihr Ding:
https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html#Ein_wertvolles_Hilfsmittel,_das_Vorsicht_erfordert
Und wenn Sie dann noch Kapazitäten frei haben, hier geht’s zu Rerum Novarum:
https://www.vatican.va/content/leo-xiii/de/encyclicals/documents/hf_l-xiii_enc_15051891_rerum-novarum.html
Spötter verweisen übrigens an dieser Stelle schon jetzt darauf, dass künftige Päpste ihre Enzykliken mit Hilfe von KI wesentlich zügiger an den Start bringen könnten.
Ähnliche Beiträge
Kommentare
KBV Praxisnachrichten
-
Gassen: Das Spargesetz ist ein Etikettenschwindel
Nach der Regierungseinigung zum...
-
„Das schädigt die vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung“ – Steiner kritisiert geplanten Krankenkassen-Zugriff auf Patientendaten
Mit deutlichen Worten kritisiert KBV-Vorstandsmitglied Dr. Sibylle...
-
KBV: Klageweg wegen Psychotherapie-Vergütung beschritten
Der Erweiterte Bewertungsausschuss hatte Anfang März gegen die...
Robert-Koch-Institut
-
Epidemiologisches Bulletin 21/2026
Herausforderungen und Lessons Learned des ÖGD in Deutschland bei...
-
Epidemiologisches Bulletin 20/2026
Masernelimination in Deutschland: fast erreicht – und doch...
-
Epidemiologisches Bulletin 19/2026
30-jähriges Jubiläum: Die Nationalen Referenzzentren und...
