Aus alten Zeitungen: "Liebe's Leguminosen-Schokolade"
Wenn Sie den Namen Paul Liebe schon einmal gehört haben im Zusammenhang mit der Herstellung von Schokolade, dann müssen Sie aus der Branche kommen oder Historiker sein. Denn Paul Liebe war seiner Zeit zwar weit voraus, aber er ist seit mehr als 100 Jahren tot. Und niemand mehr verbindet mit ihm die „Leguminosen-Schokolade“.
Paul Liebe war Apotheker, Chemiker und Fabrikant zugleich. Erfolgreich war er auch. Vor allem mit Malzprodukten, zeitweise aber eben auch in Schokolade In seiner Schokoladenrezeptur wird der auch damals sehr teure Kakao zum großen Teil durch gemahlene Hülsenfrüchte ersetzt. Kein Vergleich mit dem billigen Schokoladenersatz, den sie heute auf so manchem Keks und um so manche Erdnuss gehüllt finden können. Denn klar: Liebes Ersatz war aufgrund gemahlener Erbsen und Bohnen proteinreich, ballaststoffreich und gesund. Und genau so hat Liebe seine Schokolade verkauft. Marketingtechnisch fuhr er doppelgleisig. Denn er verkaufte seine Schokolade zu Beginn der 1880er Jahre immer als „Liebe’s Leguminosen-Schokolade“. Ein Schelm, wer jetzt denkt, die gemahlenen Hülsenfrüchte böten Unterstützung in Liebesdingen.
Nein – Liebe empfiehlt seine Schokolade zum Beispiel in der Dortmunder Zeitung am 06.08.1881 für „schwache Mädchen, stillende Frauen, bei Schwäche, Blutarmut, Rekonvaleszenz, Diphtherie und Strophulose“. Am 21.12.1882 hingegen inseriert er in der Gladbacher Zeitung seine Schokolade als nahrhafte Frühkost für Gesunde. Wenn es bei Ihnen jetzt im Ohr klingelt: Das Christkind war ja nur noch drei Tage entfernt. Aber bis 1883 blieb es bei dieser Anzeige. Von schwachen Mädchen, die dieser Schokolade bedürften, war nicht mehr die Rede.
Während Liebes Malzprodukte offenbar bis in die 20er-Jahre erfolgreich verkauft wurden, endet die Geschichte der Leguminosen-Schokolade, so lassen es die ausbleibenden Anzeigen vermuten, noch in den 1880er-Jahren. Das Dilemma: Die Herstellung von Schokolade wurde günstiger und 1879 war das erste reichsweit einheitliche Lebensmittelgesetz erlassen worden, das die Täuschung oder Fälschung von Lebensmitteln unter Strafe stellte. Paragraph 10:
„Mit Gefängniß bis zu sechs Monaten und mit Geldstrafe bis zu eintausendfünfhundert Mark oder mit einer dieser Strafen wird bestraft:
1. wer zum Zwecke der Täuschung im Handel und Verkehr Nahrungs- oder Genußmittel nachmacht oder verfälscht;
2. wer wissentlich Nahrungs- oder Genußmittel, welche verdorben oder nachgemacht oder verfälscht sind, unter Verschweigung dieses Umstandes verkauft oder unter einer zur Täuschung geeigneten Bezeichnung feilhält.“
Damit dürfte das Ende von „Liebe‘s Leguminosen-Schokolade“ eigentlich schon mit in die Wiege gelegt worden sein. Denn was sind Liebe’s Leguminosen, wenn ihnen die Schokolade fehlt! Nichts weiter als gemahlene Hülsenfrüchte.
Die Fabrikanten der Gegenwart aber sind, was die Schokolade betrifft, die gar keine ist, sprachlich schon viel weiter. Sie verkaufen derzeit Schokoladenersatz unter dem schönen Namen „ChoViva“. Der Fantasie sind da sprachlich kaum Grenzen gesetzt, wenn nur das Wort Schokolade vermieden oder negiert wird. „Nach Schokoladenart“ wäre doch eine wunderbare Alternative. Bloß: Auf die Leguminosen ist noch niemand gekommen. Dabei ließen sie sich wunderbar vermarkten. Nicht nur für schwache Mädchen, auch Hochleistungssportler könnten von einem schokoladenartigen Leguminosensnack profitieren. Im Grunde müsste man nur die Anzeigen des Paul Liebe ein wenig modernisieren.
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