Von Mechthild Eissing auf Montag, 05. Januar 2026
Kategorie: Gesundheitswesen

Debatte über Kürzungen im Gesundheitssystem: Es dampft in allen Gassen

Andreas Gassen, KV-Vorsitzender, orientiert sich offenbar nicht nur an den Sternen und den Dönerpreisen auf seiner Suche nach Rettungswegen für das Gesundheitssystem (oder wahrscheinlich genauer: für die Krankenkassen). Jetzt wandelt er, immer noch Rat suchend, auch durch die Straßen, die vor Kurzem noch Hendrik Streeck für die Diskussion geöffnet hat. Es geht um die Behandlung (nein, gemeint ist in Wirklichkeit: die Nicht- oder Geringer-Behandlung) von Schwerstkranken. Geredet hat Gassen mit der Neuen Osnabrücker Zeitung, die seit jeher den Ruf genießt, bei vielen gesellschaftlichen Themen journalistisch gern der Vorreiter zu sein. (Ebenso berühmt ist oder war die NOZ für ihre Kommentare). Im Interview, das Tobias Schmidt für die NOZ führt, sagt Gassen:

„Wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, ob es womöglich einen gewissen Automatismus gibt, alle medizinischen und technischen Möglichkeiten maximal auszuschöpfen, auch wenn das nicht in jedem Einzelfall im Sinne der Patienten ist.“
https://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/kassenaerztechef-gassen-mit-vorschlaegen-steuern-auf-alkohol-erhoehen-49534225

Gassens Satz in diesem Interview, der gerade die Schlagzeilen im Flug erobert:

„In England bekommen Sie mit 70 Jahren eben keine neue Hüfte mehr.“

Aber Gassen weiß, welche Wege wandelbar sind. Sein Vorschlag: Der Staat soll für die Gesundheitsversorgung der Bürgergeldempfänger zahlen, damit die Krankenkassen diese Kosten nicht stemmen müssen. Das würde ganz nebenbei natürlich die Beiträge der Versicherten entlasten (so zumindest die Andeutung im Interview).

Die Frage, die Tobias Schmidt daran anschließt:

„Höhere Steuern statt höhere Beiträge, also linke Tasche statt rechte Tasche?“

Und das ist die Vorlage für Gassen, das ganze Repertoire auszubreiten, das nicht nur rauf und runter diskutiert wurde, sondern eben tatsächlich höhere Steuern bedeutet: auf Zucker und auf Alkohol und auf Tabak. Linke Tasche, rechte Tasche. Aber: gesellschaftlich akzeptiert, oder? Wir wandeln ja mittlerweile selbst alle auf den Pfaden der Askese.
Wer wissen will, wie die Reaktionen auf Gassens Pläne sind, kann bei der NOZ auf Facebook weiterlesen:
https://www.facebook.com/neueoz/photos/-wie-kann-die-gesundheitsversorgung-in-einer-immer-%C3%A4lter-werdenden-gesellschaft-/1352421310232620/
(Am Ende dieses Artikels finden Sie Links zu weiteren Artikeln über Gassen in der NOZ.)

Nun kann man Gassens Vorschläge so oder so lesen. Und auch ganz anders. Die „junge Welt“ hat heute jedenfalls Andreas Gassen zum „Notfallmediziner des Tages“ gekürt. Und das gleich in ihrer Überschrift. Hagen Bonn setzt sich in seinem darauf folgenden Kommentar sehr vergnüglich mit den politischen Grundrechenarten, mit Gassens Gehalt und Gassens Bild seiner Klientel, nämlich uns, auseinander. „Die Leute sind ja nicht dumm“, zitiert er den KV-Vorsitzenden.

Nein, das sind die Leute nicht. Deswegen sei Ihnen der Kommentar der „jungen Welt“ vom 05.01.2026 mit Freuden ans Herz gelegt.
https://www.jungewelt.de/artikel/515016.notfallmediziner-des-tages-andreas-gassen.html

Gassens Vorschläge finden Sie auch bei ntv zusammengefasst. Der Artikel ist vom 03.01.2026 und zitiert schon in der Überschrift denselben Satz: „Die Leute sind ja nicht dumm.“

Genau.
https://www.n-tv.de/politik/Kassenaerztechef-Gassen-will-Gesundheitssystem-mit-Leistungskuerzungen-retten-id30198460.html

Wenn Sie in den MEDNET Nachrichten weiterstöbern wollen, der jüngste Artikel über Gassen findet sich hier:
Zwischen Döner und Sternenhimmel -- Gassen sucht weisen Rat

Und hier die gesammelten Artikel zur Streeck-Debatte:
Mißfelder, Lemke, Streeck -- von der Kontinuität des Unsäglichen
Laufende Linkliste zur Streeck-Debatte
Die Streeck-Debatte -- Kommentar zum Anfang

Hier die Berichterstattung der NOZ über Andreas Gassen aus den letzten Wochen, allerdings hinter Bezahlschranke:

Am 29.12.2025 lautet die Überschrift über einen dpa-Artikel in der NOZ: "Kassenärzte-Chef fordert Gebühr für Praxisbesuch – doch es gibt Widerspruch"
https://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/kassenaerzte-chef-fordert-gebuehr-fuer-praxisbesuch-49692170

Der Kommentar zu diesem Artikel von Tobias Schmidt, 29.12.2025. "Kontaktgebühr bei jedem Arztbesuch? Es gäbe eine wirksamere Medizin"
https://www.noz.de/deutschland-welt/meinung/artikel/gegen-beitragsexplosion-kontaktgebuehr-bei-jedem-arztbesuch-49692789

Am 13.12.2025 ein Artikel von afp: "Kassenärzte-Chef fordert Erhöhung der Tabaksteuer – kommt die Praxisgebühr zurück?"
https://www.noz.de/deutschland-welt/politik/artikel/rueckkehr-der-praxisgebuehr-was-kassenaerzte-chef-gassen-fordert-49643210

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