Was tun, wenn der Widerspruch mitten im Raum steht und kein Weg dran vorbeiführt? Passiert ja manchmal im Leben. Da haben die anderen recht oder schlimmer noch, sie haben einen Vorwurf. Das Loch, in das man sich gerne verkriechen würde, ist nur literarisch eine Möglichkeit. Und ein Politiker versteckt sich nicht, duckt sich nicht, flieht auch nicht. Die noch schlechtere Möglichkeit wäre ja ein aufrechtes Bekenntnis. Oder ein bekennendes Fragezeichen. Geht nicht. Klar.
Den aufrechten Gang durch Widersprüchlichkeiten führen gerade unser Bundeskanzler und unser Ex-Bundesgesundheitsminister vor. Oder sollten wir ihn den Ex-Ex-Bundesgesundheitsminister nennen? Nachname Spahn.
Zuerst die Lage. In die hat sich die CDU (und der Rest der Regierung) gerade selber gebracht. Sie hat nämlich ein ganz tolles Reformpaket auf den Weg gebracht. Das dem Mittelstand mit Familie Erleichterung bringen soll. Und sie hat ganz klar gesagt: keine telefonische Krankschreibung mehr und eine AU gleich am ersten Tag. Den Arbeitgebern räumt sie das Recht ein, die Dinge anders zu handhaben. Zuckerbrot und Peitsche, so könnte man sagen. Die Journalisten, die dieses Sprachbild zur Redewendung werden ließen, meinten übrigens vor 150 Jahren die Politik Bismarcks. Das Zuckerbrot war die Einführung von Renten- und Krankenversicherung, die Peitsche die Ausführung der Sozialistengesetze.
Die meisten Menschen werden also künftig am ersten Tag eine Krankschreibung brauchen. Bei Maybrit Illner im ZDF, ich zitiere aus dem Tagesspiegel, führte uns der Kanzler dann mitten durch den Widerspruch: „Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis. Sie müssen vom ersten Tag an eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung haben.“ Genial. Vielleicht meinte er rückwirkend? Rückwirkend ist aber nicht am ersten Tag. Eine Erklärung blieb der Kanzler schuldig, behauptet der Tagesspiegel. Ich glaube ihm in diesem Fall gern.
Ich wüsste aber Abhilfe. Wir fragen den großen Spahntastiker. Wer massenweise Masken organisieren kann, der findet auch einen Weg fürs große Simsalabim. An jedes Bett einen Zauberstab. Der muss auch nicht alles können. Nur AUs drucken. Ach Mist, das war ja früher. Aber die Elektronik macht es ihm ja viel leichter. Und vielleicht lässt sich der Zauberstab auch mit einem Fieberthermometer verknüpfen. Ab 38 Grad geht dann die AU per WLAN raus. An Arbeitgeber und Krankenkasse. Allen ist geholfen.
Sie fragen mich, wieso Spahn? Der ist doch Ex-Ex-Bundesgesundheitsminister. Richtig. Aber dem Spahn macht das nichts. Lesen Sie nur weiter im Tagesspiegel. Da bezieht Jens Spahn ganz deutlich Stellung. Sofern der Tagesspiegel richtig zitiert. Aber wie gesagt, ich neige dazu, der Zeitung zu glauben. Die neue Regelung nämlich mit der AU, die am ersten Tag erforderlich ist, ist keineswegs ein Misstrauensvotum. (Und hier sind wir wieder beim Weg mitten durch den Widerspruch. Ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken) Aber wir alle kennen doch diese Leute mit der Bettkantenentscheidung, so sagt er. Diese Leute sind ja Kollegenschweine. So sagt er nicht. Wirklich nicht. Da müssen wir fair bleiben. Spahn sagt nämlich: Es geht um die Fairness gegenüber den Kollegen. Auch bei der Bettkantenentscheidung. Wie gesagt: Misstrauen ist das nicht.
Aber jetzt komme ich mit meiner Idee: Eben für diese Entscheidung an der Bettkante und für die Fairness im Umgang mit den Kollegen organisiert uns der Massenmaskendealer am besten einen ZAUberstab ans Bett. Der hilft uns pragmatisch am ersten Krankheitstag zur elektronischen Bescheinigung. Und dem Staat bei Überwachung und Misstrauen.
Der Tagesspiegel vom 03.07.2026:
https://www.tagesspiegel.de/politik/arbeitsmarkt-kassenchef-warnt-vor-uberfullten-hausarztpraxen-15790919.html
Die Tagesschau fragt schon in der Überschrift nach dem Sinn, oder genauer: Sie stellt schon in der Überschrift den Sinn infrage: „,Vernünftige‘ Lösungen bei Krankschreibungen?“ (Das Zitat im Zitat ist jetzt nervig, aber ja – die Tagesschau setzt hier das Wort „vernünftig“ selbstständig in Anführungszeichen), 03.07.2026:
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/krankschreibung-krankheitstage-au-100.html
Die ZEIT nimmt die Bettkante, von der Spahn redet und auf der er selbstredend auch selbst sitzen könnte, gerne gleich in den Vorspann. 03.07.2026:
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-07/krankschreibung-verschraerfung-union-spd-jens-spahn